Zu sparsam im Ruhestand: Kann man auch zu wenig Geld ausgeben?
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Zu sparsam im Ruhestand: Kann man auch zu wenig Geld ausgeben?

Titelbild zur finanziellen Bildung für Kinder über Sparen im Ruhestand und die Frage, warum manche Rentner ihr angespartes Vermögen kaum ausgeben
Ein Leben lang sparen und im Ruhestand das Vermögen kaum anfassen? Wir erklären, warum auch zu viel Sparsamkeit zum Problem werden kann und wie eine Entnahmestrategie helfen kann.
Stell dir vor: Du sparst dein ganzes Leben für einen großen Wunsch. Du legst jeden Monat Geld zurück, investierst einen Teil davon und verzichtest manchmal auf Dinge, die du gerne gekauft hättest. Viele Jahre später hast du dein Ziel erreicht: Du bist im Ruhestand und besitzt ein ordentliches finanzielles Polster. Doch jetzt passiert etwas Merkwürdiges. Du traust dich trotzdem kaum, das Geld auszugeben. Die Reise, von der du immer geträumt hast? Zu teuer. Öfter mit Freunden essen gehen? Lieber sparen. Eine schöne Unternehmung mit den Enkelkindern? Vielleicht nächstes Jahr. Genau darüber diskutieren Finanzexperten derzeit: Manche Menschen haben im Ruhestand Vermögen aufgebaut, geben davon aber möglicherweise weniger aus, als sie sich eigentlich leisten könnten. Damit entsteht eine völlig neue Finanzfrage: Wie schafft man es, sein Geld nicht nur aufzubauen, sondern später auch sinnvoll davon zu leben?

🐷 Warum fällt Ausgeben nach jahrzehntelangem Sparen so schwer?

Viele Erwachsene lernen über Jahrzehnte eine wichtige Regel: Gib nicht alles aus, sondern spare für später. Das ist grundsätzlich sinnvoll. Wer Geld zurücklegt, kann sich ein finanzielles Polster für unerwartete Ausgaben aufbauen und zusätzlich fürs Alter vorsorgen. Doch irgendwann beginnt der Ruhestand. Dann verändert sich die Aufgabe. Nun soll das über viele Jahre aufgebaute Vermögen möglicherweise einen Teil des Einkommens ersetzen. Aus einem Sparer wird also langsam ein Entnehmer. Genau dieser Wechsel kann schwierig sein. Wer sein ganzes Leben stolz darauf war, dass sein Kontostand wächst, empfindet einen sinkenden Kontostand vielleicht plötzlich als etwas Schlechtes – obwohl genau dafür ein Teil des Geldes angespart wurde.

🧒 Einfach erklärt

Stell dir deine Altersvorsorge wie einen großen Vorratsschrank vor. 🥫 Während du arbeitest, füllst du ihn immer weiter. Im Ruhestand darfst du anfangen, etwas herauszunehmen. Wenn du aber aus Angst überhaupt nichts verbrauchst, hast du zwar irgendwann einen sehr vollen Schrank – konntest seinen Inhalt aber kaum nutzen.

📊 Was ist die berühmte Vier-Prozent-Regel?

Eine bekannte Orientierung für die Entnahme aus einem Vermögen ist die sogenannte Vier-Prozent-Regel. Die Grundidee ist einfach: Im ersten Ruhestandsjahr werden ungefähr vier Prozent des angelegten Vermögens entnommen. In den folgenden Jahren wird dieser Geldbetrag entsprechend der Inflation angepasst. Nehmen wir als vereinfachtes Beispiel ein Vermögen von 300.000 Euro. Vier Prozent davon sind 12.000 Euro. Das wären rechnerisch 1.000 Euro pro Monat, die im ersten Jahr zusätzlich zur Verfügung stehen könnten. Das restliche Vermögen bleibt angelegt und kann weiterhin Erträge erwirtschaften, allerdings auch im Wert schwanken.

💡 Merke

Die Vier-Prozent-Regel bedeutet nicht: „Jeder Rentner darf problemlos vier Prozent ausgeben.“ Sie ist lediglich eine Orientierung aus historischen Kapitalmarktdaten. Wie viel jemand tatsächlich entnehmen kann, hängt unter anderem von Vermögen, Rente, Lebensdauer, Inflation, Steuern, Anlageform und persönlichen Ausgaben ab.

💰 Kann man mit vier Prozent sogar zu vorsichtig sein?

Genau darüber wird derzeit diskutiert. Der Ruhestandsplaner Retire Capital hat historische Kapitalmarktdaten aus 75 Jahren untersucht und dabei mit einem Startvermögen von 300.000 Euro gerechnet. Nach 35 Jahren waren in dieser Modellrechnung durchschnittlich noch rund 1,1 Millionen Euro übrig. Das klingt zunächst erstaunlich: Wie kann jemand Geld entnehmen und am Ende trotzdem mehr besitzen? Der Grund ist die Rendite. Bleibt ein Teil des Vermögens beispielsweise in Aktien investiert, kann dieses Kapital über Jahrzehnte weiter wachsen. Wichtig ist allerdings: Die genannten 1,1 Millionen Euro sind ein Durchschnitt aus einer Modellrechnung auf Basis historischer Daten und außerdem nicht um die Inflation bereinigt. Es ist deshalb keine Vorhersage dafür, was bei einem heutigen Rentner tatsächlich passieren wird.

📉 Warum sollte man nicht einfach jedes Jahr mehr Geld ausgeben?

Weil niemand weiß, was die Zukunft bringt. Vielleicht wird jemand 75 Jahre alt, vielleicht aber auch 95 oder 100. Vielleicht steigen die Aktienmärkte über viele Jahre. Vielleicht kommt kurz nach Rentenbeginn ein großer Börsencrash. Dazu kommen Inflation, mögliche Pflegekosten, Reparaturen am Haus und andere unerwartete Ausgaben. Besonders gefährlich kann ein Börsencrash am Anfang des Ruhestands sein. Wer in einer solchen Phase viele Aktien verkaufen muss, verkauft möglicherweise zu niedrigen Kursen. Das Geld kann anschließend nicht mehr an einer späteren Erholung teilnehmen. Deshalb braucht eine gute Ruhestandsplanung einen Mittelweg zwischen „alles sofort ausgeben“ und „aus Angst überhaupt nichts ausgeben“.

📈 Warum muss die Entnahme nicht jedes Jahr gleich sein?

Eine Alternative zu einer starren Regel ist eine flexible Entnahmestrategie. Dabei wird nicht jedes Jahr automatisch der gleiche inflationsbereinigte Betrag ausgegeben. Läuft die Börse beispielsweise sehr schlecht, könnte man freiwillige größere Ausgaben etwas reduzieren oder verschieben. Nach guten Börsenjahren könnte dagegen mehr finanzieller Spielraum vorhanden sein. Das funktioniert natürlich nur bei Ausgaben, die tatsächlich flexibel sind. Miete, Lebensmittel, Versicherungen oder Pflege lassen sich nicht einfach beliebig reduzieren. Deshalb kann es sinnvoll sein, zwischen notwendigen Ausgaben und Wunschausgaben wie Reisen oder größeren Anschaffungen zu unterscheiden.

💡 Gut zu wissen

Rente und Vermögen sind nicht dasselbe. 👵💶 Die gesetzliche Rente ist normalerweise eine regelmäßige Zahlung. Ein angespartes Depot oder Bankvermögen ist dagegen ein eigener Geldtopf. Im Ruhestand können beide zusammen das verfügbare Einkommen bilden: regelmäßige Renteneinnahmen plus geplante Entnahmen aus dem eigenen Vermögen.

🛒 Warum können 2.000 Euro später weniger wert sein?

Bei der Ruhestandsplanung darf die Inflation nicht vergessen werden. Stell dir vor, jemand plant heute mit 2.000 Euro monatlichen Ausgaben. Wenn Lebensmittel, Energie, Versicherungen und Dienstleistungen über viele Jahre teurer werden, reichen dieselben 2.000 Euro später für weniger Dinge. Deshalb ist nicht nur entscheidend, wie viele Euro auf einem Konto oder in einem Depot liegen. Wichtig ist auch die Kaufkraft: Was kann ich mir für dieses Geld tatsächlich leisten? Genau deshalb lassen manche Menschen auch im Ruhestand einen Teil ihres Vermögens investiert. Sie hoffen darauf, langfristig Renditen zu erzielen, die dabei helfen, die Auswirkungen der Inflation auszugleichen. Dabei bleibt jedoch immer ein Risiko: Aktien können schwanken und Verluste verursachen. Eine höhere mögliche Rendite gibt es nicht ohne Risiko.

👵 Sollten Rentner also einfach mehr Geld ausgeben?

Nein, eine solche allgemeine Empfehlung wäre falsch. Die finanzielle Situation älterer Menschen unterscheidet sich enorm. Manche besitzen ein Haus, ein großes Depot und erhalten eine gute Rente. Andere müssen mit einer kleinen Rente fast ihre gesamten Einnahmen für Wohnen, Lebensmittel und Energie ausgeben. Knapp jeder fünfte Mensch ab 65 Jahren gilt in Deutschland als armutsgefährdet. Die Diskussion über „zu sparsames Leben“ betrifft deshalb vor allem Menschen, die tatsächlich ausreichend Vermögen aufgebaut haben und trotzdem aus Unsicherheit kaum darauf zurückgreifen. Für sie lautet die entscheidende Frage nicht einfach: „Wie kann ich möglichst wenig ausgeben?“ Sondern: „Wie kann ich mein Geld so planen, dass es möglichst lange reicht und mir gleichzeitig ein gutes Leben ermöglicht?“

🎯 Fazit: Sparen ist nur die erste Hälfte der Aufgabe

Viele Jahre lang lautet die wichtigste Regel der Altersvorsorge: sparen, investieren und Vermögen aufbauen. Mit dem Ruhestand beginnt aber eine zweite Aufgabe: Das angesparte Geld muss sinnvoll genutzt werden. Wer zu schnell zu viel ausgibt, riskiert, dass das Geld im hohen Alter nicht reicht. Wer dagegen aus Angst kaum etwas ausgibt, könnte auf Wünsche und Erlebnisse verzichten, obwohl genügend Vermögen vorhanden wäre. Die bekannte Vier-Prozent-Regel kann bei der Planung eine Orientierung geben. Sie ist aber keine Zauberformel, die für jeden Menschen passt. Rente, Vermögen, Inflation, Börsenentwicklung, Steuern, mögliche Pflegekosten und die eigenen Wünsche müssen gemeinsam betrachtet werden. Kinderleicht gesagt: Geld fürs Alter zu sparen ist wichtig. Aber wer dafür jahrzehntelang spart, sollte später auch einen Plan haben, wie er dieses Geld sinnvoll nutzen kann. 💶👵

💡 Schon gewusst?

Die Vier-Prozent-Regel ist schon mehr als 30 Jahre alt. 📊 Der US-Finanzberater William Bengen veröffentlichte seine berühmte Untersuchung 1994. Er untersuchte historische Börsenphasen und wollte herausfinden, wie viel Geld ein Ruheständler aus seinem Vermögen entnehmen könnte, ohne es innerhalb eines langen Ruhestands vollständig aufzubrauchen. Heute wird die Regel noch immer diskutiert, aber moderne Berechnungen zeigen auch: Eine einzige Prozentzahl kann niemals für jeden Menschen und jede Lebenssituation perfekt passen.