Milliardenprojekt in Fernost stellt BASF vor strategische Bewährungsprobe
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05.01.2026

Milliardenprojekt in Fernost stellt BASF vor strategische Bewährungsprobe

Der Chemiekonzern BASF steht kurz vor einem wichtigen Meilenstein seiner internationalen Expansion. In der südchinesischen Küstenstadt Zhanjiang nimmt eines der ambitioniertesten Industrieprojekte der Unternehmensgeschichte Gestalt an. Mit einem Investitionsvolumen von rund 8,7 Milliarden EUR handelt es sich um die größte Einzelinvestition, die der Konzern bislang realisiert hat. Noch bevor der Standort vollständig hochgefahren ist, sorgt das Projekt jedoch bereits für intensive Debatten unter Investoren, Analysten und politischen Beobachtern.

Aus Sicht des Managements folgt der Schritt einer klaren wirtschaftlichen Logik. Der globale Chemiesektor verschiebt sein Wachstum seit Jahren zunehmend in Richtung Asien. Insbesondere China spielt dabei eine dominante Rolle. Bereits heute entfällt rund die Hälfte des weltweiten Chemieumsatzes auf den chinesischen Markt. Prognosen des Konzerns gehen davon aus, dass ein Großteil des zukünftigen Branchenwachstums bis weit in die 2030er Jahre hinein aus der Region Asien Pazifik stammen wird. Wer in diesem Markt langfristig relevant bleiben will, kommt an einer starken lokalen Präsenz kaum vorbei.

BASF argumentiert, dass das Unternehmen trotz seiner Größe bislang vergleichsweise schwach in China vertreten war. Während in Europa und den USA hohe Marktanteile erreicht wurden, lag der Umsatzanteil in China zuletzt deutlich niedriger. Das neue Werk soll diese Lücke schließen. Gleichzeitig betont der Konzern, dass es sich nicht um eine Verlagerung bestehender Produktion handelt. Die Anlagen in Zhanjiang sind primär darauf ausgelegt, den chinesischen Markt direkt vor Ort zu bedienen. Kurze Lieferketten, geringere Transportkosten und Nähe zu den Kunden gelten als zentrale Vorteile dieses Ansatzes.

Unterstützt wird diese Einschätzung auch von branchenweiten Umfragen. Viele deutsche Chemieunternehmen zeigen sich weiterhin zuversichtlich, was ihre Geschäftsaussichten in China betrifft. Ein Großteil der dort aktiven Firmen rechnet in den kommenden Jahren mit steigenden Umsätzen und plant zusätzliche Investitionen. Diese Erwartungshaltung steht allerdings im Kontrast zu den zunehmenden geopolitischen Spannungen in der Region.

Ein zentrales Risiko bleibt die politische Lage. Die Führung in Peking macht seit Jahren keinen Hehl aus ihrem Anspruch auf Taiwan. Ein militärischer Konflikt würde nicht nur die Region destabilisieren, sondern auch den globalen Handel massiv beeinträchtigen. Wichtige Seerouten im Westpazifik sowie die weltweite Versorgung mit Halbleitern wären betroffen. BASF erklärt, geopolitische Risiken kontinuierlich zu analysieren und entsprechende Szenarien für alle Länder zu bewerten, in denen der Konzern tätig ist. Kritiker halten diese Aussagen jedoch für wenig beruhigend.

Besonders Aktionäre mit langfristigem Fokus äußern Zweifel. Die jüngsten Abschreibungen auf frühere Aktivitäten in Russland wirken noch nach. Viele Investoren sehen Parallelen und befürchten, dass sich der Konzern erneut stark von einem politisch schwer kalkulierbaren Umfeld abhängig macht. Auf mehreren Hauptversammlungen wurde diese Sorge offen adressiert. Fondsmanager großer Investmenthäuser sprechen von einer riskanten Entscheidung, deren wirtschaftlicher Nutzen sich erst in vielen Jahren zeigen werde.

Ein weiterer Aspekt der Diskussion betrifft die Nachhaltigkeit des neuen Standorts. BASF hebt hervor, dass das Werk vollständig mit Strom aus erneuerbaren Quellen betrieben werden soll. Durch moderne Technik und optimierte Prozesse will der Konzern die CO₂ Emissionen im Vergleich zu klassischen petrochemischen Anlagen deutlich senken. Dies soll nicht nur ökologische Vorteile bringen, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber lokalen und internationalen Konkurrenten stärken. Kunden in China legen zunehmend Wert auf umweltfreundliche Produktionsstandards, was dem Standort zusätzliche Attraktivität verleihen könnte.

Gleichzeitig steht BASF wirtschaftlich unter Druck. Die Nachfrage nach chemischen Produkten ist zuletzt spürbar zurückgegangen. Sinkende Preise, eine schwache Konjunktur und handelspolitische Spannungen mit den USA belasten das Geschäft. Konzernchef Markus Kamieth sprach jüngst von der schwierigsten Phase für die Branche seit Jahrzehnten. Als Reaktion wurden am Stammwerk in Ludwigshafen Anlagen stillgelegt und konzernweit Sparprogramme aufgelegt. Dennoch bleibt der Standort in Deutschland ein zentrales Standbein, für das weiterhin Milliardeninvestitionen geplant sind.

Der Umbau des Konzerns geht über einzelne Standorte hinaus. BASF will sich strategisch neu ausrichten und sich stärker auf ein klar definiertes Kerngeschäft konzentrieren. Einzelne Geschäftsbereiche sollen verkauft werden, die Agrarsparte ist für einen Börsengang vorgesehen. Ziel ist es, die Komplexität zu reduzieren und die Kapitalrendite zu verbessern. Das Werk in Zhanjiang nimmt in dieser Neuausrichtung eine Schlüsselrolle ein.

Der Standort selbst wird nach vollständiger Fertigstellung zu den größten Verbundstandorten des Konzerns zählen. Auf einer Fläche von mehreren Quadratkilometern entstehen Anlagen zur Herstellung von Basischemikalien, Zwischenprodukten und Spezialmaterialien. Herzstück ist ein Steamcracker mit einer Jahreskapazität von rund einer Million Tonnen Ethylen. Abnehmer finden sich in zahlreichen Industrien, darunter Verpackung, Bauwirtschaft und Automobilsektor. Rund 2.000 Beschäftigte sollen dort arbeiten, ein Großteil des Managements stammt aus China.

Ob sich das Milliardenprojekt langfristig als Erfolg erweist, bleibt offen. Klar ist jedoch, dass BASF mit dem Werk in Zhanjiang eine strategische Wette eingeht. Zwischen Wachstumspotenzial, geopolitischen Risiken und tiefgreifendem Konzernumbau wird sich entscheiden, ob diese Investition zum Stabilitätsanker oder zur neuen Belastungsprobe für die BASF Aktie wird.

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